Sonntag, 22. November 2015

Bio für Jede!




Seit zwei Jahren gibt es Bio für Jede, den Verein, der Bio-Gemüse zu erschwinglichen Preisen verteilt. Mit dem Erlös sollen Kultur und Begegnung gefördert werden. Zwei intensive Jahre und der Erfolg des Weiterbestehens sind Anlass genug, um dies drei Tage lang zu feiern in der Kulturfabrik Wetzikon. Das Programm ist reichhaltig und ist zu finden auf der Website biofuerjede.ch. Die Organisatoren, die allesamt ehrenamtlich tätig sind, werden auch bei der Klimademo am nächsten Samstag, 28. November, am Helvetiaplatz mit ihrem Geköch dabeisein. Die Klimademo findet weltweit statt. Leider werden noch einige Demonstrationen wegen der Anschläge in Paris blockiert. Doch ich hoffe, das eine Art letzte Vernunft gewinnt und grünes Licht gegeben wird. Ich finde diese Zustände selbst verschuldet – und peinlich ist, was momentan alles ans Licht kommt. Europa und die USA haben eine dicke Suppe auszulöffeln. 

Am Samstagabend soll eine Goaparty steigen. Also schlafe ich schon mal vor und fahre um ca. 19 Uhr los nach Wetzikon zum Jubelfest von Bio für Jede (Für unsere deutschen Freunde: Im Schweizerdeutschen heissts eben nicht "für jeden", sondern "jede", ausgesprochen "jädä"). Während des kurzen Fussmarschs vom Bahnhof zur Kulturfabrik werde ich Zeugin des ersten Schnees in diesem Jahr. 

Im Eingangsbereich der Kulturfabrik finde ich einen Markt vor mit Gemüse, aber auch nützlichen Pflanzen, die man mitnehmen kann (alle Spenden sind freiwillig und nach eigenem Ermessen). Ich greife mir eine Karde, die sich anscheinend bei Borreliose bewährt hat. Ein junger Mann erzählt mir seine Leidensgeschichte mit der Borreliose und der Therapie mit Karden-Tinktur, die ihn geheilt hat. Die Bücher zum Thema muss ich mir noch besorgen. Vor einigen Jahren hatte ich selbst einen Zeckenbiss mit Borreliose drin. Seitdem leide ich unter Gelenkschmerzen in den Schultern und im Rücken. Ärzte sind da ratlos. 

Die Karde, Beinwell, Pilzkulturen und andere gute Sachen werden angeboten von der Alpinen Permakultur Schweibenalp (Schweibenalp.ch). Als ich das Prospekt durchblättere, staune ich. Sogar Colin Tipping, der Meister der Radikalen Vergebung, gibt hier, also im Berner Oberland, Kurse auf 1100 Meter Höhe. 

Das Zahlungsmittel Geld hat bei solchen Veranstaltungen wenig Bedeutung. Ein Scherzbold bezahlt eine Pilzkultur und seine vegane Mahlzeit mit einem bunten Büchlein – "Globi auf LSD". Die Köchin spricht aber nur Englisch, doch sie freut sich trotzdem und sagt, dass sie mit den lustigen Versen Deutsch lernen will. Ganz ohne Geld funktioniert der Kleiderladen, wo ich erst nur aus Jux herumschaue, doch ich finde ganz passable Stücke, unter anderem einen Rock, der genau zum Mantel passt, den ich trage. 






Ich fühle mich hier wohl, werde aber kritisch beäugt von einigen, weil ich gar nicht reinpasse ins Ambiente. Als das Konzert angekündigt wird, verfliegt die Leichtigkeit meiner Meinung nach, denn das liebe Geld kommt ins Spiel. 25 Franken Eintritt und keine einzige Goa-Note weit und breit zu hören. Plus ein Bändchen, das man sich ums Handgelenk schlingen muss, doch ich verzichte auf die "Handschelle". Auf dem Band steht "Suchtpräventionsstelle Stadt Zürich". Ach, die müssen ja auch Geld verdienen für ihre Suchtprävention. 

Weil ich bereits alkoholisiert bin und überhaupt an diesem Ort ein bisschen Freiheit üben möchte und entsprechend locker bin, verliere ich mein Sklavenbändchen der Stadt Zürich, das ich zuletzt in die Jackentasche gesteckt hatte. Als ich nach dem Genuss einer Zigarette wieder reinwill, werde ich kontrolliert. Kein Bändeli? Nein, es ist weg. Ich grinse und suche in meiner Tasche, doch da ist nichts. Da habe ich eine brillante Idee und zeige meinen Presseausweis. "Ich bitte höflichst um einen Presse-Eintritt", sage ich. Von diesem Moment an werde ich jedes Mal, wenn ich ins Gebäude gehe, von den Türstehern hochgenommen. Sie meinens lustig, aber für mich hat das Wort Presse einen ekligen Nachgeschmack. Der Ruf der Presse ist für immer ruiniert. Und das ist zum einen gut so, weil man weiss, dass die Presse die Bevölkerung verraten hat dadurch, dass sie das Schweigegeld der Grossen akzeptiert und die Schreibfeder für immer entsorgt hat. Doch das ist meine Sache. Ich versuche zu schreiben, weil ich es gerne mache. Schreiben als Privatsache. Sie lesen gerade mein Tagebuch... 





Die Volksküche hat etwas Veganes auf der Karte. Und zwar nur vegan. Aber es schmeckt mir nur mässig. Im Salat sind zwei Orangenschalen (ohne Fruchtfleisch) drin, was ich völlig deplatziert finde. Trotzdem fühle ich mich wohl und will mehr davon und am besten in der ganzen Schweiz. Am Nebentisch schnappe ich Wortfetzen auf. Refugees. Und "Morgen fahren sie los". Freiwillige Helfer. Ein kleiner Junge fragt mich, ob er meine Bierflasche haben kann wegen des Pfands. Ich frage ihn, wozu er das Geld braucht. Er möchte ein Walkie Talkie, damit er mit seinem Freund telefonieren kann. Kurze Zeit später erblicke ich den Jungen auf der Bühne. Zusammen mit zwei weiteren Kindern macht er Musik. Er drückt auf dem Keyboard herum, die anderen beiden bedienen Schlagzeug und Gitarre. Plötzlich ruft der Walkie-Talkie-Junge ins Mikrofon, das noch viel zu laut eingestellt ist: "Hippiekacke!" Meine Ohren klingen. Hippiekacke. 

In Wetzikon werden unter der Aufsicht des Staates die Messer gewetzt für eine neue Welt. Überall in der Schweiz wimmelt es von aufrechten Menschen mit langen Haaren. Brauchen wir den Staat noch, wenn es auch ohne geht? Wir schwimmen im Überfluss und ringen um Mut, um Abhängigkeiten zu überwinden, während wir überschwemmt werden mit Angst aus Syrien und Wut, Lügen und Verzweiflung aus Paris. 





Ich sitze mit anderen an einem runden Tisch neben der Wunderwurzel Beinwell, der Karde, Baumstämmen, die mit Pilztinkturen getränkt sind, als jemand auftaucht, den ich schon lange nicht gesehen habe. Es ist Valentin. Bei Occupy sind wir uns begegnet. Ich freue mich total, ihn wiederzusehen. Einiges hat sich verändert in seinem Leben. Er lebt seine Sache und ist glücklich dabei, das spüre ich. Als Flüchtlingshelfer fuhr er durch halb Europa und gab sein Bestes und teilte mit allen das, was er erlebt hat. Er bewirtschaftet einen grossen Garten und setzt sich voll ein für Gerechtigkeit und Wandel. Jeder tut, was er kann. Ich arbeite zweimal pro Woche auf einem Demeterhof und einmal die Woche in einem Goaladen. Das gibt wenig Geld, aber ich gewinne trotzdem etwas dabei. Die Menschen, denen ich in diesem Umfeld begegne, tun mir gut und bewegen sich in dieselbe Richtung. Das Neue, das muss meiner Meinung nach geldfrei sein. 



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